Wer in den vergangenen Monaten in einschlägigen deutschen Foren und Plattformen nach Veranstaltungen zu Designforschung und Gesundheit gesucht hat, wurde erstaunlicherweise nicht sehr fündig. Dabei zeigte sich zum Beispiel mit der breit aufgestellten Konferenz Design4Health an der Sheffield Hallam University in England wie agil, transdisziplinär und produktiv der internationale Designforschungsdiskurs ist – und leider auch wie wenig davon im deutschen Sprachraum ankommt.

 

In drei gut gefüllten Tagen versammelten sich neben Fachpersonen aus Desginpraxis, Designforschung und Architektur auch auffallend viele Physio-, Ergo- und Logotherapeuten, Pflegekräfte und Ärzte. Dabei reichte die Spannweite der Beiträge von Methodologie und Theorie über Fallbeispiele bis hin zu grundlegenden Impulsvorträgen zum Stellenwert der Designforschung und ihren ethischen, strategischen und wirtschaftlichen Problemfeldern. Trotz strengem Peer-Review-Prozess ließen sich qualitative Differenzen nicht vermeiden. Gleichzeitig zeigte sich jedoch mit dieser internationalen Auswahl aus Forschenden aus Kanada, Neuseeland, Israel und vielen weiteren Ländern, dass Gestaltung im Kontext von Gesundheitsförderung und Therapie genau so wie deren designforscherische Betrachtung ohne ein umfassendes fallgerechtes methodisches Repertoire nicht mehr zeitgemäß ist. Insbesondere die Einbeziehung empirischer Methoden und fundierter transdisziplinärer wissenschaftlicher Erkenntnisse belegt dabei eine belastbare und seriöse Auseinandersetzung mit dem Gestaltungsgegenstand. Genau hier zeigte sich auch, dass gestalterische Forschung trotz ihrer Nähe zu künstlerischer Praxis und ergebnisoffenen Kreativansätzen strenge wissenschaftliche Prozesse einbeziehen kann, um an Struktur und Stringenz zu gewinnen, ohne dabei ihre designerische Herangehensweise im Sinne der „designerly ways of knowing“[1] zu verlieren. Erfreulicherweise wurde hierzu kaum auf stereotype Herangehensweisen wie dem Design Thinking Ansatz verwiesen.

 

Inhaltlich zeigt sich die Offenheit und Komplexität des internationalen Designforschungsdiskurs im Gesundheitskontext besonders in der Spannweite der präsentierten Vorträge. Während Design im Gesundheitskontext noch häufig mit klassischer Medizintechnik in Verbindung gebracht wird und somit der nächste Röntgenapparat im Vordergrund stehen könnte, zeigte eine Keynote-Speech zur Bedeutung der Typografie im gesundheitlichen Kontext die Verantwortung aller gestalterischer Bemühungen um den Themenbereich Gesundheitsförderung. Ebenso wurde auch der Technologietransfer und der mit dem Design per se verbundene Machbarkeitsoptimismus auf originelle Weise thematisiert. So betonte die 86-jährige Weltrekorthalterin im Fallschirmspringen Dilys Price die Bedeutung der Designbemühung als Erforschung des Machbaren. Nachdem sie mit 54 Jahren mit dem Fallschirmspringen begann und mit 85 ihren 1139sten Solo-Sprung absolvierte, ist es ihr Anliegen sich für die Gestaltung als Enabler-Disziplin einzusetzen. Ihre Leidenschaft für diesen Sport war letztenendes nur durch gestalterische Innovationen möglich.

 

Die fünfte Auflage dieser zweijährigen Konferenz Design4Health ist damit keine Ausnahmeerscheinung auf dem Gebiet der Designforschung, obgleich sie durch vielfältige Workshops, partizipative Formate, Entspannungs-Strick-Ecken und einigem mehr ein gutes Beispiel designforscherischer Konferenzformate präsentiert. Viel mehr zeigt sich aber, dass die internationale Entwicklung auf dem Gebiet von Designforschung und Gesundheit große methodische Schritte macht und sich dabei aktiv anderen Disziplinen und Fachfeldern öffnet. Umso beunruhigender ist es dabei für den deutschsprachigen Designforschungsdiskurs, dass derartige Veranstaltungen nur eine marginale Bedeutung gewinnen und ihre weitreichenden Erkenntnisse hierzulande unterzugehen scheinen.

 

Zwar entwickelt sich auch in Deutschland die Designforschung mit Vereinigungen, Konferenzen und Plattformen. Doch ist diese Entwicklung  recht zögerlich und im medizinischen Bereich leider oft sehr industrie-getrieben. Akademische Designforschung im Gesundheitsbereich in einer globalisierten Welt bedeutet in erster Linie internationaler Austausch und universitäre Kooperation. Und hierzu sollte sich auch der deutschsprachige Designforschungsdiskurs mit Plattformen wie der Design and Health 2017 in Wien oder der Design4Health 2018 in Sheffield auseinandersetzen.

 

[1] Cross, Nigel (2007). Designerly Ways of Knowing. Board of International Research in Design. Basel: Birkhauser.